“Jeder flieht vor seiner Verantwortung für Europas Geschichte”

SPIEGEL ONLINE: Herr Rosi, Ihre bisherigen Filme waren weit weg von Großthemen, die direkt mit den aktuellen Debatten unserer Tage zu tun haben. Bei Ihnen ging es bislang um Auftragskiller in Mexiko oder um den Alltag am Autobahnring von Rom. Warum haben Sie das Thema Flüchtlinge gewählt?

 Rosi: Ich habe das Thema nicht gewählt. Ich wurde gefragt, ob ich einen Film auf der Insel Lampedusa machen will.

SPIEGEL ONLINE: Von wem?

Rosi: Vom Istituto Luce, einem italienischen Archiv für Wochenschauen und Dokumentarfilmarbeiten, das selbst auch Filme produziert. Damals war die Situation auf Lampedusa katastrophal, der Name der Insel war untrennbar mit der Tragödie verbunden. Für den Großteil der Berichterstattung darüber sorgten die Medien. Die kamen für kurze Zeit dorthin, um ihre Bilder zu machen. Die meisten Journalisten übersahen, dass da eine Insel ist mit Menschen, die da wohnen, die damit leben müssen. Am Anfang war die Idee, einen Kurzfilm zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde der Langfilm daraus?

Rosi: Als ich ankam, gab es paradoxerweise keine Migranten auf Lampedusa. Das Hotspot-Center war geschlossen, das wurde nach einem Feuer gerade renoviert. Meine erste Begegnung mit der Insel war so bestimmt von einem Gefühl von Leere, von Gespanntheit auf etwas, das weit weg geschah, von dem die Leute aber wussten, dass es sie wieder erreichen würde. Alle Bilder, die ich im Kopf hatte, waren abwesend. Das ging drei, vier Wochen lang so, und ich wurde krank, hatte eine Bronchitis. Also ging ich zum Arzt, und dieser Arzt war Doktor Bartolo, der nun in dem Film vorkommt. Ich erzählte ihm, dass ich Filmemacher bin und er sagte zu mir: Sie müssen diesen Film machen. Ich antwortete: Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage sein werde. Daraufhin überreichte er mir einen USB-Stick und sagte: Schauen Sie sich das an. Ich bin sicher, Sie werden wiederkommen und den Film machen.

SPIEGEL ONLINE: Was war auf dem Stick?

Rosi: Die Geschichte von 20 Jahren, Doktor Bartolos persönlichen Begegnungen mit Migration. Da war unglaubliches Material drauf. Also zog ich für ein Jahr nach Lampedusa.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie ausgerechnet ein Kind, den zwölfjährigen Samuele, zum Hauptdarsteller von “Seefeuer” gemacht?

Rosi: Mein Instinkt sagte mir, dass ich ein Kind als Protagonisten brauchte. Es wäre schwierig gewesen, einen Erwachsenen als Hauptfigur zu haben, mit dem hätte ich über Migration sprechen müssen. Mit dem Kind ließ sich eine Parallelwelt kreieren, die im Gegensatz zur Realität der Migration steht. Das bedeutete für mich mehr Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Warum zeigen Sie nicht, wie die Flüchtlinge auf Lampedusa leben?

Rosi: Weil keine da sind. Sie kommen an und gehen gleich wieder. Ihr Leben ist einer Bürokratie unterworfen. Im Oktober 2013 kamen die Leute noch direkt aus Afrika nach Lampedusa. Da gab es Interaktionen mit den Menschen auf der Insel. Im Dezember 2013 schuf die Politik eine neue Grenze auf dem offenen Meer. Eine militarisierte Zone, in der Boote der Armee patrouillieren. Die ankommenden Menschen werden auf See abgefangen und verteilt. Auf Lampedusa bleiben sie zwei, drei Tage. Also ist es schwer, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Das einzige Mal, dass mir das gelang, war bei einer Rettung, die ich begleiten konnte: Nigerianer waren mit ihrem Boot untergegangen. Mit ihnen konnte ich sprechen, Zeit verbringen, sie filmen. Das war ein epischer Moment, mehr wert als Hunderte von Interviews.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film zeigen Sie die Gespräche zwischen Nigerianern – das wirkt fast inszeniert, weil in deren Erzählungen alles gesagt wird, was man über Migrationsgeschichte wissen muss.

Rosi: Bis auf eine Szene ist alles im Film so, wie es geschehen ist. Keine Vorgaben, keine Regie. Solche Momente entstehen, wenn man eineinhalb Jahre lang da ist. Man muss auf diese Momente warten. Wer nur eine Woche auf Lampedusa verbringt, dem wird so was nicht passieren. Aber wenn Sie ein Jahr dort verbringen, dann werden Sie von den Göttern des Dokumentarfilms belohnt (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Hat die politische Dynamik die Geschichte beeinflusst – dass ab Frühjahr 2015 das Lampedusa-Phänomen plötzlich zu dem europäischen Thema wurde?

Rosi: Da war ich fast fertig mit den Dreharbeiten. Meine letzte Szene hab ich im August gefilmt, im Oktober 2015 begann ich zu schneiden. Für mich war die Grenze erreicht, als ich den Tod gefilmt hatte. Das ist etwas, was Sie nie tun wollen als Filmemacher. Da war klar, ich kann nicht weiter filmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie filmt man den Tod, ohne ihn auszustellen?

Rosi: Ich war 40 Tage in diesem Militärboot, und jeden Tag gab es eine Rettung, das war normal, nichts Schlimmes. Und eines Tages kamen plötzlich die Toten. Und ich fragte mich: Was mache ich, was mache ich bloß? Schließlich entschied ich mich, zu filmen. Die Welt muss wissen, dass im Unterdeck dieses Schiffes tote Menschen sind. Das ist wie in einer Gaskammer, wie die Leute da sterben. Der Kapitän des Schiffs sagte zu mir: “Sie müssen das filmen, die Welt muss das erfahren.” Der Geruch der toten Körper war unerträglich. In dem Moment verließ mich alles, ich konnte nicht mehr filmen.

SPIEGEL ONLINE: Es war also keine Frage, ob Sie das zeigen oder nicht?

Rosi: Die große Herausforderung war, den Tod nicht an die Sensationslust zu verkaufen. Ihn nicht als Pornografie zu erzählen, sondern als etwas Dringliches. Ich bringe das Publikum langsam dahin. Meine Verantwortung bestand genau darin, dass die Zuschauer nicht ausrufen: Mein Gott, warum zeigen Sie mir das? Sondern dass sie sagen: Mein Gott, wie kann so etwas geschehen? Wenn das die Reaktion beim Schauen ist, dann habe ich meine Arbeit richtig gemacht. Ich musste diese Szene im Schnitt erobern, ich musste sie bezwingen. In den letzten 25 Minuten des Films fällt kein Wort mehr. Das ist wie beim Trauern.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das Material von dem USB-Stick eigentlich nicht verwendet? Sie hätten so vielleicht einen historischen Raum geöffnet.

Rosi: Das ist nicht meine Art zu arbeiten. Ich mag es, die Tür zu schließen. Es sind so viele Informationen in der Welt, im Internet, im Fernsehen. Deshalb mache ich die Tür zu. Und das Ende, das ist dann nur noch der Blick durch ein Schlüsselloch. Der Rest ist draußen. Ich bin nicht Michael Moore.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie intervenieren mit “Seefeuer” auch in eine Debatte.

Rosi: Es ist nicht fair, wie in Europa mit Migration umgegangen wird. In Italien kommen seit Jahren Leute an, 450.000 Menschen in den letzten 15 Jahren allein auf Lampedusa. Und dann ist Österreich, ist Deutschland im Sommer 2015 plötzlich überrascht: Ups, die Monster kommen, die Aliens sind da und machen eine Invasion. Ich will nicht der Politik sagen, was sie machen soll. Aber ich kann sagen, was ich darüber denke, was die Politik bis jetzt gemacht hat: zero, nichts. Wir wissen, dass Leute sterben, wir lassen zu, dass das passiert: Folter, Vergewaltigung, Tod. Anstatt uns zu fragen, wie wir damit umgehen, fragen wir, wollen wir diese Leute überhaupt hier haben? Jeder flieht vor seiner Verantwortung für Europas Geschichte. Dabei wissen wir, dass Mauern nicht helfen, die fallen früher oder später. Es wird sich alles verändern, und wir müssen akzeptieren, dass es diese Veränderung geben wird.

Lesen Sie im aktuellen SPIEGEL ein Porträt über Gianfranco Rosi (bezahlpflichtig).

http://www.spiegel.de/kultur/kino/seefeuer-doku-ueber-lampedusa-den-tod-nicht-als-pornografie-erzaehlen-a-1104523.html

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