Writer and director Todd Solondz poses at the premiere of "Wiener-Dog" during the 2016 Sundance Film Festival on Friday, Jan. 22, 2016, in Park City, Utah. (Photo by Danny Moloshok/Invision/AP)

Todd Solondz: “Ich mache meine Filme nicht für jeden – auch nicht für die, die sie mögen”

In dem filmischen Kosmos, den Todd Solondz geschaffen hat, ist er Sonne, Mond und Komet zugleich. Er bildet das Zentrum, den weiter entfernten Ableger und besucht sich alle paar Jahre selbst.

 So auch mit seinem neuen Film “Wiener Dog”. Eine der vier Hauptfiguren ist Dawn Wiener, die drangsalierte Achtklässlerin aus “Welcome to the Dollhouse”, Solondz’ Durchbruchsfilm von 1996. Eigentlich ist Dawn schon länger tot, in “Palindromes” (2004) hatte Solondz ihr nach einer fürchterlichen Schulzeit ein ebenso fürchterliches Restleben beschert: Nach der Schule war sie erst stark übergewichtig geworden, dann ungewollt schwanger. Schließlich beging sie Suizid.

In “Wiener Dog” lebt Dawn nun wieder, schätzungsweise nicht besonders glücklich, aber mit einem BMI im Normalbereich und ohne Kind. “Ich wollte ihr eine andere Perspektive aufs Leben bieten”, sagt Solondz beim Interview in Berlin. “Jeder träumt doch davon, was wäre, wenn man ein ganz anderes Leben gelebt hätte. Als Regisseur kann ich genau das wahr werden lassen.” Soeben hat “Wiener Dog” auf dem Filmfest München Europapremiere gefeiert und dabei wie schon beim Sundance Festival sowohl Begeisterung als auch profunde Irritation ausgelöst, meist in ein und derselben Person.

Diese Art von Ambivalenz ist zu Solondz’ Erkennungszeichen geworden, auch nach 20 Jahren im Filmgeschäft gibt es niemanden, der sie ähnlich umstandslos erschaffen könnte. Solondz ist versöhnlich in der Miniatur, indem er zum Beispiel Sympathien für einen Pädophilen weckt (“Happiness”), und unversöhnlich im Panorama, indem er das Leben als eine Abfolge von Dummheiten und Grausamkeiten darstellt (alle seine Filme).

Nirgendwo wird das stärker deutlich als in “Wiener Dog”, seinem mittlerweile siebten Film. Solondz, 56, zeichnet darin seine Variante des circle of life nach: In jeder der vier Episoden steht der wechselnde Protagonist für einen anderen Lebensabschnitt, es beginnt mit einem kleinen Jungen (Keaton Nigel Cooke), führt über die 30-jährige Dawn (Greta Gerwig) zum Endfünfziger Schmerz (Danny DeVito) und endet mit einer Großmutter (Ellen Burstyn). Und weil der Astrologe Solondz so viel Spaß an genau bemessenen Elipsen, Symmetrien und Achsen hat, ist der kleine Junge nur knapp dem Krebstod entgangen, und nennt die Großmutter ihren Hund “cancer” – Krebs.

Dackeldurchfall und Godard

Oberflächlich zusammengehalten werden die Episoden von ebendiesem Hund, einer Dackeldame – im Englischen auch wiener dog, Würstchenhund, genannt (was wiederum der Spitzname ist, mit dem Dawn Wiener in der Highschool gehänselt wurde) -, die von Episode zu Episode den Besitzer wechselt. Eingangs soll sie Spielkamerad für den sich von der Chemotherapie erholenden neunjährigen Remi sein. Die Rechnung der Eltern (Tracy Letts und Julie Delpy) geht zunächst auf: Mit Wiener Dog erlebt Remi bislang nicht gekannte Freundschaft und Vertrautheit – bis die Eltern die Hündin sterilisieren lassen, der Eingriff Komplikationen nach sich zieht, Remi seine Freundin mit einem Müsliriegel aufpäppeln will und diese daraufhin nicht enden wollenden Durchfall erleidet.

Dessen Spuren fährt die Kamera von Ed Lachman (“Carol”) ausführlich nach, musikalisch begleitet von Debussys “Claire de lune”. “Diese Szene habe ich Godards ‘Weekend’ entliehen”, sagt Solondz nicht ohne Stolz. Er spielt damit auf die legendäre Kamerafahrt aus “Weekend” an, die über sieben Minuten lang an einem Stau auf einer Landstraße vorbeigleitet. Bei aller Selbstbezüglichkeit ist er ein Filmemacher, der sehr genau andere Filmemacher beobachtet, allerdings nicht immer wohlwollend.

Bei der losen Episodenstruktur hat er sich nach eigenen Angaben von Robert Bressons “Au hasard Balthazar”, in dem ein Esel durch die Geschichte führt, inspirieren lassen. Die Einstellung, in der Remi und Wiener Dog inmitten eines Feldes aus zerrupften Kissen liegen und nicht klar ist, ob Remi die Toberei überlebt hat, funktioniert hingegen als Satire auf das Plakatmotiv von “Boyhood”. “Ja, das ist eine Anspielung auf Richard Linklater, wobei der sie eigentlich von (Fotograf William) Eggleston hat”, sagt Solondz und lässt offen, was ihn dabei mehr stört: Linklaters ungebrochene Sentimentalität oder dass dieser die Einstellung kopiert hat.

In solchen Momenten, im Gespräch wie im Film, ist ein Groll spürbar, der “Wiener Dog” zu Solondz’ persönlichstem Film macht. Er dreht nicht nur das Kino, das er will, er wendet sich auch gegen das Kino, das er nicht will. Diese persönliche Lesart (über)betont Solondz selbst, indem er in der dritten Episode eine Figur in den Mittelpunkt rückt, die sich sowohl als Karikatur einer Woody-Allen-Schöpfung verstehen lässt als sich auch als Alter Ego von Solondz aufdrängt: Danny DeVito spielt Dave Schmerz, einen verkrachten Dozenten an der Filmhochschule der New York University. Dieselbe Position hat Solondz inne, der einzige Unterschied ist, dass er nicht Drehbuch, sondern Regie an der Tisch School of Arts unterrichtet. Und dass er der Schule wahrscheinlich mehr zusetzt als diese DeVito im Film.

Dumme Hunde erschweren den Dreh

Als “evil empire” hat Solondz die NYU in einem Interview bezeichnet. Darauf angesprochen, kriegt er noch bessere Laune, als er sie das ganze Interview über eh schon hat. “Ich möchte, dass die Uni liest, was ihr Regiedozent über sie denkt.” Sie sei so korrupt und inkompetent, wiederholt Solondz seine Vorwürfe, ohne sie zu konkretisieren. Dabei genieße er es zu unterrichten: “Filmschule ist das Gegenteil von Filmemachen: Alles ist so ruhig und unaufgeregt. Drehen ist Stress.”

Das hat sich nicht zuletzt bei “Wiener Dog” bewiesen. “Die Dreharbeiten hätten die einfachsten meiner Karriere sein können, stattdessen wurden sie die schlimmsten.” Warum? “Wegen des Hundes!” Dackel seien verzüchtet worden und deshalb sehr dumm. Vier oder fünf verschiedene Hunde hätten sie während der Dreharbeiten eingesetzt, einer so unbelehrbar wie der andere. Für eine Einstellung habe der Hund einfach nur geradeaus auf einem Laufband laufen müssen. “Aber nach drei Stunden Filmen hatten wir gerade einmal zwölf Sekunden brauchbares Material zusammen.”

Im Film ist dieses Material zu einer Intermission geloopt, in der der Dackel durch ein Panorama von amerikanischen Landschaften trabt. Der Einschub ist nicht nur ein stilistischer Bruch, er markiert auch einen tonalen Wechsel zur Mitte des Films vom sanft Verstörenden zum wirklich Hoffnungslosen. Ausgerechnet die vorhergehende, zweite Episode mit Dawn ist nämlich auf verquere Art einträchtig geraten. Remis Eltern haben Wiener Dog zum Einschläfern gegeben, doch Dawn, die mittlerweile als Tierarzthelferin arbeitet, rettet die Hündin vor der tödlichen Spritze.

Mit ihr im Gefolge trifft Dawn zufällig auf Brandon (Kieran Culkin), ihren Highschool-Bully/Verehrer aus “Welcome to the Dollhouse”. Er kann sich jedoch nicht mehr an sie erinnern; womöglich, weil er Junkie geworden ist. Dennoch lädt er sie und Wiener Dog zu einem Roadtrip ein, auf den sich Dawn vor allem einlässt, weil sie in ihrem alten Leben nichts hält. Doch im Verlauf des Roadtrips wird Brandon jede Tür, an die er klopft, vor der Nase zugeschlagen. Nur sein Bruder begrüßt ihn freudig. Tommy (Connor Long) hat ein schmuckes Eigenheim, eine liebende Ehefrau – und Trisomie 21.

Keiner seiner Protagonisten – das wird vor allem in der abschließenden Episode mit Ellen Burstyn als grantiger Oma deutlich, der Solondz wie zum Hänseln die freundlicheren Inkarnationen vorführt, die sie hätte leben können – hat das Leben bekommen, das er sich erträumt hat. Außer Tommy. Aber was heißt es, wenn der glücklichste Mensch, den man je in einem Todd-Solondz-Film gesehen hat, ein Behinderter ist?

Todd Solondz lässt einen mit den schwer ertragbaren Ambivalenzen seiner Filme allein. Sie sollen in einem weiterarbeiten, Auflösung unerwünscht, denn wenn Solondz eines abstößt, dann sind es Menschen, die es sich zu leicht mit seinen Filmen machen. “Nach einer Vorführung von ‘Happiness’ ist mal ein junger Mann zu mir gekommen und hat gesagt: ‘Wie der Typ das Kind vergewaltigt hat, das war zum Brüllen!’ Dazu kann ich nur sagen: Ich mache meine Filme nicht für jeden – auch nicht für die, die sie mögen.”

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